Der Abgrund zwischen Tag und Nacht – Laura Di Falco

Ani

 

Foto: Pfaueninsel Verlag
31.August 2026

978-3691310238
Gebundenes Buch - 288 Seiten - 24,00€ 
- Anzeige / Rezensionsexemplare - 

Manchmal bröckeln die Fassaden eines Hauses genauso wie die einer ganzen Familie.

„Ein großer Roman über weibliche Widerstandskraft und die verletzliche Schönheit Siziliens.“ Diese Aussage war es, die mich zu diesem Buch greifen ließ. Dazu kommt, dass der Roman 1971 für den italienischen Literaturpreis Premio Strega nominiert wurde und eine junge Frau in den Mittelpunkt stellt, die sich gegen die Traditionen ihrer Familie und die gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit auflehnt. Das klang wirklich vielversprechend, und ich habe mich sehr auf die Lektüre gefreut.

Worum geht es?

Ende der 1950er-Jahre wächst die junge Diletta in einer Familie auf, die noch immer den Anschein alter Größe wahrt. Hinter der bröckelnden Fassade herrschen jedoch Heuchelei und starre gesellschaftliche Regeln.

Die Liebe zu einem jungen Mann aus einfachen Verhältnissen eröffnet ihr die Möglichkeit eines anderen Lebens. Doch als ihre Beziehung zunehmend in die Konventionen ihrer Familie eingebunden wird, erkennt Diletta, dass auch ihre Freiheit bedroht ist. Vor dem Hintergrund familiärer Skandale und eines Feuers, das Ortigia erschüttert, muss sie eine schwerwiegende Entscheidung treffen.


Meine Gedanken zum Buch

Der Einstieg in diesen Roman fiel mir nicht ganz leicht. Der Schreibstil hat mich anfangs etwas herausgefordert, aber das Vorwort von Maike Albath hat meine Neugier noch einmal verstärkt. Die Literaturkritikerin ordnet darin das Leben und Werk von Laura Di Falco ein und beleuchtet ihre politische und literarische Bedeutung. Dass die Autorin im deutschsprachigen Raum lange Zeit unübersetzt und weitgehend unbekannt geblieben ist, war mir vorher gar nicht bewusst.

Als ich mich langsam in die Geschichte hineingefunden hatte, war ich aber doch schnell mitten im Geschehen. Besonders gefallen hat mir, wie Laura Di Falco den Zustand des Hauses mit dem ihrer Bewohner verbindet. So wie die Mauern langsam verfallen, bröckelt auch die adelige Fassade der Familie. Ein Detail ist mir dabei besonders im Gedächtnis geblieben: Im Schlafzimmer der Großmutter, die zugleich das Oberhaupt der Familie ist, fällt der erste Putz von der Wand. Doch das wird ebenso ignoriert wie die Skandale, die sich nach und nach anbahnen. Bloß nichts nach außen dringen lassen! Schließlich soll niemand erkennen, dass hinter der vornehmen Fassade längst nicht mehr alles so ist, wie es scheint.

Diletta möchte aus diesen starren Regeln ausbrechen. Heimlich trifft sie sich mit einem jungen Mann und entdeckt dabei immer mehr Häuser im Dorf, die langsam zerfallen. Gerade diese alten, verfallenen Gebäude üben eine besondere, beinahe magische Anziehung auf sie aus. Für mich passt das wunderbar zu ihrer eigenen Sehnsucht nach einem Leben jenseits der Grenzen, die ihre Familie ihr setzt.

Doch ausgerechnet als ihre Familie beginnt, den jungen Mann an Dilettas Seite zu akzeptieren, verändert sich etwas. Plötzlich mischt sie sich in die Beziehung ein, unterstützt das Paar und versucht, die Verbindung für alle passend zu machen. Dem jungen Mann soll nach seinem Studium eine gute berufliche Zukunft ermöglicht werden. Er soll in die Familie aufgenommen werden und gemeinsam mit Diletta das Bild einer standesgemäßen Verbindung nach außen vermitteln.

Was zunächst wie ein Glücksfall für Diletta wirken könnte, wird für sie zunehmend zum Problem. Denn ihr mittlerweile Verlobter fühlt sich in den gesellschaftlichen Regeln ihrer Familie offenbar viel wohler, als ihr lieb ist. Ausgerechnet die Beziehung, die ihr zunächst einen Ausweg aus ihrem bisherigen Leben versprochen hat, droht nun zu einem weiteren Gefängnis zu werden. Diletta muss sich fragen, ob das Leben, das andere für sie vorgesehen haben, wirklich das ist, was sie möchte.

Ich fand es spannend zu beobachten, wie sich diese Entwicklung vollzieht. Es geht nicht nur um die Auflehnung gegen eine traditionsbewusste Familie, sondern auch um die Frage, wie viel Freiheit tatsächlich bleibt, wenn man sich zwar scheinbar von alten Zwängen lösen kann, sich am Ende aber in neuen wiederfindet.

Mein Fazit

Ich fand diesen Roman wirklich gut, auch wenn mir der Schreibstil das Lesen nicht immer leicht gemacht hat. Es brauchte etwas Zeit, bis ich mich auf die Geschichte und ihre Erzählweise einlassen konnte. Doch was Laura Di Falco vermitteln wollte, ist bei mir angekommen. Die bröckelnden Häuser, die verfallende Fassade der Familie und Dilettas Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben greifen für mich wunderbar ineinander.

Gerade diese Verbindung aus gesellschaftlichen Zwängen, familiären Geheimnissen und dem Wunsch nach Freiheit hat mich überzeugt. Es ist ein Roman, der nicht unbedingt durch eine leichte Lektüre besticht, dafür aber durch seine Themen und die Bilder, die er hinterlässt.

Ich freue mich, dass dieser Roman nun erstmals auf Deutsch erschienen ist und damit auch hierzulande die Möglichkeit bietet, eine Autorin zu entdecken, die viel zu lange unbekannt geblieben ist.

Zur Autorin

Laura Di Falco war das Pseudonym von Laura Anna Lucia Carpinteri (1910–2002). Sie arbeitete zunächst als Lehrerin in Syrakus, bevor sie ihrem Mann Felice Di Falco nach Rom folgte. Beide waren politisch als Antifaschisten aktiv.

Der Abgrund zwischen Tag und Nacht gilt als ihr wichtigster Roman und erreichte beim Premio Strega den dritten Platz. 2012 wurde das Werk von einem kleinen Verlag in Syrakus neu aufgelegt. Nun erscheint es erstmals in deutscher Übersetzung im Pfaueninsel Verlag.

Anett

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