Auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse habe ich den Litradukt Verlag kennengelernt. Ein Kleinverlag mit Literatur aus der Karibik, speziell aus Haiti. Er ist der einzige deutschsprachige Verlag mit diesem Schwerpunkt. Und das hat mich natürlich angezogen. Entdeckt habe ich dann für mich die Kriminalromane von Gary Victor. Er gehört zu den meistgelesenen Autoren seines Landes. Er macht eine satirische Radiokolumne und ist in seiner Heimat für Theater, Film, TV und Radio tätig.
Der Ermittler in seinen Krimis ist Inspektor Dieuswalwe Azémar. „Dieuswalwe“ ist die kreolische Schreibung von „Dieu soit loué“ - Gott sei gelobt. Er schildert „die institutionalisierte Lüge, die Feigheit der Gesellschaft, die Eroberung der Macht durch Hochstapler und Schurken“ (Gary Victor). In seinen Romanen entsteht das Bild eines aus den Fugen geratenen Landes.
Erschütterungen
...ist der neueste Kriminalroman, der im Litradukt Verlag erschienen ist.
Inspektor Azémar will den Tod einer jungen Frau aufklären. Die Tote war die Tochter seiner Freundin Mirlène. Alles deutet auf ein satanistisches Ritual hin, wo es bald noch mehr Opfer geben wird. Azémar begibt sich auf die Jagd nach den Tätern und versinkt bald in einem Strudel von Gewalt und Korruption, in dem das Land zu versinken droht. Er hat sich viele Feinde gemacht, aber für viele ist er auch ein gerechter Rächer. Azémar fackelt mitunter nicht lange und erschießt die Täter gleich vor Ort. Er weiß, dass sich viele einfach wieder frei kaufen und munter weiter machen können.
Ich war erstaunt, wie der Autor hier das Land, dessen Politiker und auch die Polizei kritisiert. Er prangert die Herrschaft eines korrupten Landes an, zeigt die politische Instabilität des Landes auf und erklärt das System der terrorisierenden Banden des Landes. Das hat mich mitunter ziemlich nachdenklich gemacht. Ja, ich weiß, dass Haiti krisengeschüttelt ist und das es keine richtige Regierung gibt, aber das dann so detailliert zu lesen, ist dann doch nochmal was anderes.
Der Kriminalroman ist sehr dunkel, brutal und nichts für schwache Nerven. Azémar ist kein leichter Protagonist, er ist scheinbar vollkommen dem Schnaps (kleren) verfallen und geht auch nicht gerade zimperlich mit den Kriminellen um. Dabei macht er keine Unterschiede, um wem es sich handelt. Er selbst sagt von sich, dass er den Tod nicht fürchtet, da er selbst schon mit einem Fuß im Sarg steht.
Mich hat das Buch auf jeden Fall mächtig fasziniert und ich konnte es gar nicht aus der Hand legen. Es ist spannend und schnell steckt man im Sumpf von Haiti mit drin. Man lernt teilweise den uralten Voodoo-Zauber kennen, der in der Kultur und Tradition des Landes immer noch tief verwurzelt ist.
Schweinezeiten
…ist ein etwas älterer Kriminalroman. Im Original handelt es sich um den zweiten Band der Reihe, aber man kann ihn locker unabhängig voneinander lesen. Hier im Roman kommt noch Azémars Tochter vor. Diese hat er in ein kirchliches Internat abgegeben, da er nicht imstande ist, sich richtig um sie zu kümmern. Und obwohl er sie sehr liebt, ist sein Leben nichts für ein Kind. Aufgrund der Korruption in Polizei und Politik steht er immer wieder im Fokus von Killern. Viele wollen seinen Tod. Außerdem kann er nicht mehr ohne Schnaps auskommen.
Diesmal lernt man einen jungen Kollegen des Inspektors kennen, der sich scheinbar aufgrund eines Voodoo-Zaubers langsam verwandelt. Das, nebenher gesagt, ich sehr spannend fand – diese ganze Voodoo Geschichte und wie verwurzelt dies in Kultur und Religion ist, ist für uns Europäer kaum nachvollziehbar.
Auch hier ist Azémar kein typischer Ermittler – und genau das hat der Autor auch so gewollt. Die Kriminalromane haben nichts von westlicher Art und Weise an sich, warum auch. Gary Victor will das echte Haiti zeigen und dazu gehören eben auch solche Charaktere. Und mal ehrlich, nachdem was Azémar alles erlebt, kann man schon verstehen, dass er alles im Alkohol vergessen möchte.
Man weiß, dass es um Haiti nicht gut gestellt ist. Und trotzdem hat man doch einen karibischen Strand vor seinem inneren Auge, an dem alles einfach nur schön ist. Aber schnell lässt der Autor dem Lesenden hier auflaufen. Denn zwischen Müllbergen und Armut, terrorisierenden Banden und Korruption überall ist so gar nichts schön in Haiti. Und genau deswegen möchte Azémar für seine Tochter alles besser machen und hat sie zur Adoption in die USA frei gegeben. Sie soll eine bessere Zukunft erleben, denn Haiti kann ihr das nicht bieten.
Als im Laufe der aktuellen Ermittlungen auch die „Kirche vom Blut der Apostel“ immer mehr in den Fokus rückt, will Azémar nur noch eins: seine Tochter schützen.
Mein Fazit zu beiden Büchern, die ich hier gelesen habe?
Ja, Azémar ist kein Held und kein sympathischer Ermittler, und trotzdem fand ich ihn großartig, in seinem Kampf gegen alles und jeden, wie er versucht Recht durchzusetzen und wie er nicht zur Korruption neigt, wie so viele seiner Kollegen.
Ich mag die Kriminalfälle gern, ich habe gern über die Tradition und Kultur des Landes gelesen und war schwer beeindruckt von den Büchern – ich finde sie genial! So ganz anders, als alles, was ich bisher gelesen habe, besonders eben.
Sicher kann nicht jeder damit etwas anfangen, wer durchweg nur sympathische Protagonisten sucht ist hier sicherlich fehlt am Platz. Aber wenn man es mal versucht und mit einem neuen Fokus liest, so darf man durchaus überrascht sein. Mein Tipp: Einfach mal drauf einlassen!
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| Peter Trier und ich am Stand des Litradukt Verlags auf der Leipziger Buchmesse 2026 |
Anett




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